martinholle
Beratung für Menschen in Organisationen

New Work, Arbeit 4.0 und digitale Transformation

Nachlese zur IPOM Masterclass im März 2017

Seit vielen Jahren schon bietet das Institut für Psychodynamische Organisationsberatung München (IPOM) alle zwei Jahre sehr erfolgreich das Curriculum „Psychodynamische Teamsupervision, Coaching und Organisationsberatung“ als Jahresfortbildung an. Unter anderem für Alumni dieses Curriculums veranstaltet das IPOM darüber hinaus Masterclasses, um einzelne Themen aus dem Curriculum anhand aktueller Entwicklungen zu vertiefen.

2017 finden insgesamt drei Masterclasses statt. Die erste Masterclass des Jahres am 11.03.2017 stand unter dem Leitthema „Organisationsberatung und Coaching in Zeiten von New Work & Digitaler Transformation“.

Ziel dieser Masterclass war auch eine Positionsbestimmung:

Welchen Einfluss haben die Strömungen New Work, Arbeit 4.0, Industrie 4.0 und insbesondere die Digitale Transformation auf die Arbeit von Organisationsberatern, Coaches oder auch Personalverantwortlichen in Unternehmen?

Grundfragen

Ein Grundprinzip der psychodynamischen Organisationsberatung ist die Arbeit mit der konkreten Einzelsituation: alles was Klienten, seien es Einzelpersonen wie beim Coaching oder Repräsentanten von Unternehmen oder Institutionen bei der Organisationsberatung, an Material (Informationen, Erzählungen, Handlungen, Kommunikation, etc) im Verlauf des Beratungsprozesses beisteuern oder äußern, wird für die Beratung genutzt: je konkreter und detaillierter, um so besser. Alles wird vor dem Hintergrund der psychodynamischen Theorien (z.B. Tavistock-Modell und soziotechnischer Ansatz) reflektiert und mit den Methoden dieser Prozessberatung bearbeitet.

Und so motivierten die folgenden Grundfragen die Veranstalter zu dieser Masterclass:

  • Bewährt sich unser Vorgehen auch in einem „digitalisierten“ Umfeld und bei New Work bzw. Arbeit 4.0?
  • Welche Aspekte der psychodynamischen Beratungsarbeit eignen sich dafür am besten?
  • Gibt es heute etwas spezifisch Neues, nie Dagewesenes?
  • Wenn ja, hat dies Auswirkungen auf unsere Beratungsarbeit?

Um die nachfolgende Diskussion zu strukturieren und auf die Arbeit an konkreten Fällen vorzubereiten, startete der Samstagmorgen mit einem Überblick über die Themenlandschaft:

Schlüsselbegriffe und Technologien

Martin Holle steckte das Feld für die Leitbegriffe Digitalisierung, Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 ab. Er erläuterte Schlüsselbegriffe und -technologien und ging dabei tiefer auf die von den Teilnehmern genannte Themen ein, wie z.B. Internet of Things (IoT), neue Verfahren der künstlichen Intelligenz, Machine Learning, Entscheidungsautomatisierung und Natural Language Processing. Darüber hinaus beleuchtete er Zusammenhänge und konfrontierte marketingmotivierte Hype-Begriffe mit der Realität.

An exemplarischen Beispielen zeigte er auf, wo in den vergangenen Jahren tatsächlich signifikante technische Fortschritte erzielt wurden, worauf diese basieren und was sie für unsere immer technischer geprägte Lebens- und Arbeitsumwelt in der Praxis möglicherweise bedeuten.

New Work vs. Arbeit 4.0

Markus Zimmermann vertiefte anschließend die Zusammenhänge zwischen Digitalisierung, Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 einerseits und New Work andererseits. Dazu beschrieb er die Entwicklungsgeschichte der Industrialisierung von der ursprünglichen Industrialisierung (Industrie 1.0) bis zur Gegenwart (Industrie 4.0). Er begründete, warum – resultierend aus dem immer stärker werdenden Effizienzdruck seit Einführung des Taylorismus – dazu immer auch eine charakteristische Form der Arbeit gehört, die wir heute mit dem Schlagwort Arbeit 4.0 bezeichnen.

New Work hingegen setzt zwar einen gewissen gesellschaftlichen und industriellen Entwicklungsstand voraus, die Motivation zu einer anderen Form der Arbeit entspringt aber aus der Frage, wie Arbeit für die Menschen sinnvoller und befriedigender gestaltet werden kann. Dies wird durch verschiedene Protagonisten dieser Strömungen im Detail unterschiedlich beantwortet. Auf wichtige Vertreter ging Markus Zimmermann kurz ein; herausragend und exemplarisch sei hier Frederic Laloux genannt.

Leitthesen

Insbesondere der Unterschied zwischen „New Work“ und „Arbeit 4.0“ ist den Referenten wichtig und wurde für die weitere Diskussion in den folgenden Leitthesen gebündelt:

  • Die Digitalisierung der Arbeit, insbesondere die Vernetzung und digitale Kommunikationsformen, ermöglichen und treiben Arbeit 4.0.
  • Arbeit 4.0 und New Work sind unterschiedlich motiviert, besetzen aber überschneidende Themen, beispielsweise wenn es um die Frage der passenden Organisationsstrukturen geht: Hierarchie vs. Heterarchie.
  • Arbeit 4.0 wie Industrie 4.0 sind von der Technik der Digitalisierung und vom „Zwang zur Globalisierung“ getrieben; der Mensch verliert an Boden gegenüber dem Diktat der Technik.
  • New Work benutzt ggf. digitale Technologie als Werkzeuge, wenn es nützlich erscheint; der Mensch steht aber im Mittelpunkt.

Psychodynamischer Beratungsansatz

Im nachfolgenden Abschnitt gab Thomas Giernalczyk einen Überblick über den Tavistock-Ansatz. Er referierte wichtige Konzepte, die in der psychodynamisch fundierten Organisationsberatung dabei helfen, die präsentierten Probleme zu verstehen und mit der aktuellen Situation umzugehen: Das Unbewusste in Organisationen, Primäraufgabe und primäres Risiko, Containment-Funktion von Führung und Strukturen sowie der soziotechnische Ansatz, der sich insbesondere zur Beurteilung der Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeit anbietet.

Die psychodynamische Arbeitsweise wurde anschließend mit der gesamten Gruppe durch eine durch Thomas Giernalczyk moderierte Bearbeitung zweier konkreter Praxisbeispiele von Teilnehmern (Schwierigkeiten bei der Arbeit in einem virtuellen und geografisch verteilten Team / organisationale Transformation in einem weltweit agierenden Unternehmen) demonstriert und geübt. Die spezifischen Eigenschaften und Stärken des psychodynamischen Ansatzes der Organisationsberatung, insbesondere auch im aktuellen Umfeld der digitalisierten und globalisierten Arbeitswelt, welches Thema der Masterclass war, wurde dabei den Teilnehmern eindrucksvoll vor Augen geführt bzw. in Erinnerung gerufen.

Soziotechnische Systeme

Vor dem Ende des prall gefüllten Programms präsentierte Martin Holle zunächst noch die Vignette eines Unternehmens. Stitch Fix setzt einen voll-digitalisierten Geschäftsprozess ein, um Kunden eine maßgeschneidert auf ihre Bedürfnisse und Wünsche zugeschnittene Dienstleistung anzubieten. Das Beispiel illustrierte mögliche Interaktionsszenarien an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine (das digitalisierte und automatisierte System) als Beispiele für soziotechnische Systeme:

  • die Kundenschnittstelle,
  • die Einbindung von menschlichen Beratern in den Geschäftsprozess,
  • die Rollen und Haltungen der Lösungsarchitekten und Entwickler, die danach streben, das Hybridsystem aus Mensch und Maschine zu optimieren, zu erweitern und zu entwickeln.

Zum Abschluss ordnete Prof. Thomas Giernalczyk die Ergebnisse des Tages aus psychodynamischer Perspektive. Er offerierte den Teilnehmern Leitlinien und Hinweise als Orientierungshilfe für die praktische Organisationsarbeit in diesem Umfeld.

Fazit

Foto-Collage aus der Masterclass „Organisationsberatung und Coaching in Zeiten von New Work & Digitaler Transformation“

Das Vorhaben, eine Positionsbestimmung für psychodynamisch orientierte Organisationsberater und Coaches im Rahmen einer eintägigen Masterclass zu entwickeln, ist ambitioniert. Sicher wurde das Thema während der Masterclass mit all seinen Facetten nicht erschöpfend behandelt; eine weitere Vertiefung und Fokussierung auf einzelne Aspekte des Themenfeldes tut not. Das Feedback der Teilnehmer war allerdings durchweg positiv und auch die Veranstalter waren zufrieden mit diesem fundierten und erfolgreichen Experiment. Die Kombination aus thematischem Überblick zur Einführung und Einordnung, der Referenz auf relevante psychodynamische Konzepte und ihre praktische Anwendung während der konkreten Fallarbeit kann in jeder Hinsicht als geglückt bezeichnet werden.

Referenten

Thomas Giernalczyk, Prof. Dr. phil, ist geschäftsführender Gesellschafter von M19, Psychoanalytiker und Honorarprofessor für Psychologische Interventionen und Therapie an der Fakultät der Humanwissenschaften der Universität der Bundeswehr in München. Er ist Mitbegründer des IPOM und bildet Führungskräfte und Berater in diesem Rahmen weiter. Seine Arbeitsschwerpunkte sind psychodynamische Kulturentwicklung, Change-Begleitung, Coaching und Beratung von Familienunternehmen.

Markus Zimmermann, Dipl.-Betriebswirt (FH), ist Partner bei M19, Komplementärberater, Freiraumlotse und Potenzialforscher für Organisationen und Menschen in Veränderungsprozessen. Er besitzt langjährige Erfahrung in Experten-, Leitungs- und Beratungsfunktionen in den Handlungsfeldern Human Resources, Leadership & Culture Development sowie Change Management bei einem DAX-Konzern.

Martin Holle, Dipl.-Ing. der Elektrotechnik (RWTH Aachen), ist Seniorberater bei einem Lösungsanbieter aus der IT- und Telekommunikationsbranche, freiberuflicher Organisationsberater und Coach sowie Netzwerkpartner von M19.

Über M19 & IPOM

Das Institut für Psychodynamische Organisationsberatung München (IPOM) bildet Berater und Führungskräfte psychodynamisch weiter.

M19–Manufaktur für Organisationsberatung bietet maßgeschneiderte Lösungen für Change-Begleitung, Kultur- und Führungskräfteentwicklung an. M19 besteht aus einem interdisziplinären Team von erfahrenen Psychologen und Betriebswirten.


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